Saudi-Arabien – Vermittlungsangebote bisher vergeblich

Die eskalierenden religiösen Spannungen nach der Hinrichtung des schiitischen Klerikers Nimr al-Nimr durch das sunnitische Saudi-Arabien fordern erste Menschenleben unter Zivilisten.

Im Zentrum des Irak wurden am Montag bei Bombenanschlägen zwei sunnitische Moscheen teilweise zerstört und mehrere Menschen verletzt. Außerdem wurde laut Behördenangaben der Muezzin einer weiteren sunnitischen Moschee ermordet.

Der Regierungskritiker Nimr war die wohl wichtigste Identifikationsfigur für Schiiten in Saudi-Arabien. Seine Exekution am Samstag gemeinsam mit 46 weiteren Verurteilten wurde von Schiiten rund um die Welt, vor allem aber in den schiitisch dominierten Ländern Iran, Irak und Bahrain als Provokation empfunden. Die Attacken auf Sunniten im Irak sollten offenbar eine Vergeltung darstellen.

Muezzin in Hinterhalt gelockt

Dass die Sunniten im Irak genauso eine Minderheit sind wie die Schiiten in Saudi-Arabien, verhinderte die religiöse Gewalt auch diesmal nicht. Nach Angaben der Polizei explodierte im Morgengrauen in Hilla südlich von Bagdad eine Bombe in der Moschee Ammar ibn Jassir. Augenzeugen hätten eine Gruppe uniformierter Männer gesehen, die den Angriff ausführten, sagte ein Polizeisprecher. Durch die Explosion seien auch zehn umliegende Häuser beschädigt worden.

In einem Dorf nahe Hilla explodierte zudem bei einem ähnlichen Angriff eine Bombe in der Moschee al-Fatih. Ärzten zufolge wurden insgesamt drei Menschen verletzt. In Iskandarija, ebenfalls südlich von Bagdad, wurde außerdem der Muezzin einer sunnitischen Moschee in der Nähe seines Hauses in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. In der Region leben sowohl viele Schiiten als auch Sunniten. Zu den Angriffen bekannte sich zunächst niemand.

Schüsse auf saudische Polizisten töten Unbeteiligten

In Saudi-Arabien kam in Nimrs Heimatstadt al-Awamija laut Behördenangaben ein unbeteiligter Zivilist ums Leben, als während Trauerfeierlichkeiten für den Hingerichteten Schüsse auf Polizisten abgegeben wurden. Auch ein Kind soll dabei unbestimmten Grades verletzt worden sein. Auf politischer Ebene eskaliert die Lage ebenfalls zusehends: Nachdem Saudi-Arabien am späten Sonntagabend die Beziehungen zum Iran abgebrochen hatte, folgte am Montag Bahrain und brach ebenfalls die Beziehungen zum Iran ab.

Der iranische Vizepräsident Eshak Dschahangiri kritisierte Riads Entscheidung zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen am Montag als „voreilig und unvernünftig“. Der Schritt werde sich für Saudi-Arabien negativ auswirken. Dschahangiri unterstrich zugleich, der Iran habe sich umgekehrt „zurückhaltend“ verhalten. Das iranische Außenministerium warf den Saudis den „Export innerer Probleme“ vor und versprach, man werde die „Politik der Spannungen und Konfrontationen“ nicht akzeptieren.

Saudi-Arabien für Iran nun „feindliches“ Land

Der Abbruch diplomatischer Beziehungen ist mehr als nur Säbelrasseln. Der iranische Abgeordnete Ali Esfanani wurde am Montag von der amtlichen Nachrichtenagentur ISNA mit den Worten zitiert, damit sei Saudi-Arabien als „feindliches“ Land zu betrachten. Auch sei bis auf Weiteres wohl ausgeschlossen, dass iranische Bürger die für Muslime einmal im Leben verpflichtende Pilgerreise ins saudische Mekka (Hadsch) unternehmen könnten.

Wie brisant der Konflikt ist, zeigen allein die intensiven Bemühungen der Weltgemeinschaft zur Vermittlung. Am Montag bot sich Moskau als Mediator an, und China – sonst in der Region politisch sehr zurückhaltend – äußerte „große Besorgnis“ angesichts der Lage. Das Außenministerium mahnte zur „Wahrung von Ruhe und Zurückhaltung“, die Probleme zwischen beiden Ländern sollten „ordentlich durch Dialog und Beratungen gelöst werden“.

Kreuzigung von Nimrs Neffen droht

Den europäischen Mahnungen zu Mäßigung schloss sich am Montag das französische Außenministerium in eindringlichen Worten an. Der Konflikt erfordere äußerste Wachsamkeit der Weltgemeinschaft, hieß es aus Paris. Am selben Tag erinnerte der französische „Figaro“ in seinem Leitartikel daran, dass Nimr al-Nimrs Neffe Ali Mohammed al-Nimr von Saudi-Arabien bereits zum Tod durch öffentliche Kreuzigung verurteilt worden sei und das saudische Königshaus dieses Urteil jederzeit vollstrecken lassen könnte.

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